Dienstag, 16. April 2013

Obstbäume veredeln: Kopulation mit Gegenzungen Schritt für Schritt

Ich möchte euch die Veredelungstechnik "Kopulation mit Gegenzungen" Schritt für Schritt mit Bildern erklären.
Die Veredelung hat ein Bekannter durchgeführt, der das als Hobby schon eine Weile macht. Ich durfte aber auch mal selber Hand anlegen. Insgesamt haben wir 12 Bäumchen veredelt. Zwei bisher nicht bestimmbare Birnensorten haben wir auf Birnensämling veredelt. Um schneller zu sehen, ob unsere Apfelsämlinge brauchbares Obst bringen, haben wir außerdem 10 kleinwüchsige M9-Unterlagen mit einmal Holsteiner Cox, zweimal Grüner Boskop und 7 unserer selbstgezogenen Sämlinge veredelt. Die Unterlagen haben wir bei der Baumschule Peter Klock bezogen, wo sie insgesamt ca. 30-35 € gekostet haben.

Zunächst das Material:
Veredelung Werkzeug Material
Von links nach rechts:
- 1 weicher Bleistift zum Beschriften der Etiketten
- Kunststoffetiketten
- Haushaltsschere zum Abschneiden des Basts und der Markierungsbänder
 - Baumwachs zum versiegeln der Veredelungs- und Schnittstellen
- Veredelungsmesser (einseitig geschliffen)
- Tuch zum eventuellen Voreinigen der Reiser
- gute Gartenschere
- Edelreis
- Veredelungsunterlage
- Außerdem nicht abgebildet: Paketschnut zum anbinden der Etiketten und ein Taschenmesser oder ein Locher zum Lochen der Etiketten.

Nun sucht man sich ein Edelreis. Das sind die einjährigen Wassertriebe, die gerade nach oben wachsen. Dazu nimmt man eine Unterlage mit möglichst gleicher Dicke. Beide werden nun gegenüber einem gesunden Knospenauge schräg abgeschnitten. Die Unterlage natürlich oben, das Reis unten.
Kopulation mit Gegenzungen Schneiden
Das ist der schwierigste Schritt bei der ganzen Angelegenheit. Ich habe es trotz mehrerer Anläufe nicht zufriedenstellend hinbekommen. Die Schnitte müssen möglichst gut aufeinander passen und dürfen dafür insbesondere nicht wellig sein. Deswegen benutzt man auch spezielle einseitig geschliffene Messer, mit denen das leichter hinzukriegen ist. Die Schnittstellen sollten nicht berührt werden, weil sie dadurch verschmutzen und nicht mehr so gut anwachsen.
Ist man kein Profi oder passen Edelreis und Unterlage von der Dicke her nicht so gut zusammen, muss am Ende trotzdem mindestens eine Seite der aufeinanderglegten Schnittflächen gut aufeinanderliegen.
Kopulation Veredelung Schnittflächen
Das Kambium (direkt unter der Rinde) muss sich berühren, damit die beiden Teile zusammenwachsen können. Hat man die beiden Teile passend geschnitten, müssen sie noch fest verbunden werden. Bei der normalen Kopulation werden sie dafür einfach mit Bast oder Veredelungsgummi verbunden. Um die Stabilität zu verbessern und das Verbinden einfacher zu machen, haben wir noch sogenannte Gegenzungen geschnitten und die Zweige damit ineinander gesteckt. Ein Bild hilft da mehr als jede Beschreibung:
Kopulation Gegenzungen Schneiden der Gegenzunge
Kopulation Gegenzungen zusammenstecken
Nun muss die Verbindung fixiert werden. Man achtet nochmal darauf, dass das Kambium sich an mindestens einer Seite auf der ganzen Länge berührt und umwickelt die Verbindungsstelle dann stramm mit Bast, wobei man das Auge des Edelreises freilässt. Am Ende verknotet man den Bast. Vor dem Verbinden kappt man außerdem das Edelreis mit einem geraden Schnitt, so dass 2-3 gesunde Augen verbleiben.
Es ist hilfreich, wenn eine zweite Person die Unterlage hält.
Kopulation Gegenzungen Verbinden mit Bast
Kopulation Gegenzungen mit Bast verbinden
Statt Bast könnte man auch spezielle Veredelungsgummis nehmen. Sie haben den Vorteil, dass sie nicht UV-stabil sind und daher später nicht aufgeschnitten werden müssen. Dafür kann man sie aber auch nicht so fest ziehen und sie verleihen damit weniger Stabilität.

Die Veredelungsstelle und das obere Ende müssen jetzt noch mit Baumwachs versiegelt werden. Damit verhindert man eine übermäßige Verdunstung, die das Edelreis vertrocknen lassen würde und verhindert das Eindringen von Pilzen, Bakterien und Viren. Damit das Baumwachs streichfähig wird, muss man es vorher warmstellen oder in einem Wasserbad anwärmen. Richtig heiß soll es natürlich nicht sein.
Kopulation Gegenzungen Veredelungsstelle mit Baumwachs versiegeln
Nun müssen die veredelten Bäumchen nurnoch gepflanzt werden. Man kürzt dafür die Wurzeln mit einer scharfen Gartenschere um ca. 1/3. Damit schneidet man möglicherweise durch den Versand vertrocknete Wurzeln ab und regt die Neubildung an. Unsere Bäumchen haben wir zunächst in Töpfe gepflanzt, weil das Beet noch nicht vorbereitet ist. Auf jeden Fall das Angießen nicht vergessen.
Veredelte Obstbäumchen
Falls man mehrere Bäumchen mit unterschiedlichen Sorten veredelt hat, empfiehlt es sich, diese gut zu beschriften. Dafür haben wir die Stecketiketten aus Plastik gelocht und mit dem Bleistift beschriftet. Edding und ähnliche Stifte bleichen aus oder waschen ab. Durch die Lochung ein Band und dann unten um den Stamm gelegt - fertig.
Wie man sieht, ist die Veredelungsstelle bei uns einfach "irgendwo". Normalerweise wird wurzelnah veredelt, wodurch man die Veredelungsstelle später nicht mehr auf Anhieb sieht. Der Nachteil ist, dass die Veredelungsstelle dann auch leichter mal mit Erde bedeckt wird und selber Wurzeln schlägt. Dann könnte aus einem kleinen Bäumchen plötzlich ein wuchskräftiger Riese werden, was in diesem Fall nicht gewünscht ist. Die kleinen Bäumchen sollten natürlich unkrautfrei gehalten werden, bis sie groß genug sind, um sich so durchzusetzen. Schwächlinge wie die M9-Unterlage brauchen Zeit ihres Lebens einen Pfahl und sollten dauernd unkrautfrei bleiben. Wir werden es mit richtigem Unkrautvlies versuchen, haben aber noch keine Erfahrung damit.

Nach 4-6 Wochen muss der Bast durchgeschnitten werden, damit er nicht einwächst. Bis dahin sind Unterlage und Edelreis stabil miteinander verwachsen, wenn alles gut gegangen ist. Es reicht, den Bast an einer Seite aufzuschneiden. Wenn man versucht ihn ganz abzumachen, beschädigt man leicht die Veredelung.

Kommentare:

  1. Hallo, schön beschrieben. Mich würde interessieren in welchem Monat ihr die Veredelung durchgeführt habt. In Büchern lese ich immer das man die Veredelten Pflänzchen frostfrei lagern soll. ich bin allerdings überfragt wie ich das anstellen soll. Wenn ich an einem frostfreien Tag im Februar veredle liegen ja noch eine Menge frostige Tage vor dem jungen Baum.
    Grüße Mario

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    1. Hallo Mario,
      die Veredelung fand am 13.April statt. Da hält sich die Gefahr weiterer richtig schwerer Fröste in Grenzen.
      Ich hab gerade mal in einem alten Obstbaulehrbuch nachgelesen - da steht auch, dass man die Bäumchen frostfrei einschlagen soll, bis sie gepflanzt werden können. Ganz eng würde ich das nicht sehen.

      Leichter Frost schadet den Pflänzchen vermutlich nicht gleich, Spätfröste können sie ja anscheinend auch ab, wenn man sie im Frühjahr auspflanzt.

      Wenn Du die Möglichkeit hast, würde ich die Veredelung möglichst spät machen. Dafür fehlt dem Baum dann natürlich etwas Zeit zum wachsen, aber das finde ich nicht so entscheidend.

      Wenn Du einen kühlen, aber einigermaßen frostfreien Keller oder Schuppen hast, wäre das sicherlich auch eine Möglichkeit. Einfach die Bäumchen einschlagen oder in Töpfe pflanzen und dort lagern. Darauf achten, dass die Wurzeln weder austrocknen, noch gammeln. Nicht vergessen dann irgendwann im Frühjahr auszupflanzen oder in den Töpfen rauszustellen, denn sobald die Blätter kommen, brauchen sie ja Licht.

      Wenn Du die Unterlagen schon im Garten gpflanzt stehen hast, dürfte das späte Veredeln die beste Möglichkeit sein. Wenn es nicht anwächst, kannst Du dann immernoch auf eine Sommerokulation umsatteln und verlierst so kein ganzes Jahr.

      Die Frostgefahr dürfte eher für die Veredelungsstelle, als für die Wurzeln gelten, weil man Bäumchen ja auch sonst im Winter bei frostfreiem Boden pflanzt. Ein Schutz der Veredelungstelle mit isolierendem Material sollte also auch etwas bringen. Man deckt ja auch andere frostempfindlichere Gewächse ab oder wickelt sie ein. Stroh, Pappe oder was in die Richtung würde sich vermutlich eignen.

      Meine Fachkenntnis auf dem Gebiet ist aber leider auch eher beschränkt und die Praxiserfahrung hat heute kaum jemand, weil die Baumschulen natürlich eh ganz anders arbeiten und ganz andere Möglichkeiten der Lagerung, etc. haben.

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  2. Ich danke dir für deine Antwort. Sie gibt mir noch einmal die Gewissheit einfach zu probieren.
    Ich habe jetzt 10 Bittenfelder Sämlinge als Unterlagen bei mir in der Baumschule geordert. Die werde ich im Februar / März veredeln. Einen Teil werde ich eingepackt und geschützt draussen lassen und den anderen Teil werde ich bei mir auf den Dachboden ans Fenster stellen.
    Mal sehen obs klappt.
    Viele Grüße Mario

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