Mittwoch, 11. Februar 2015

Birnensämlinge - wie neue Obstsorten entstehen

Jede Obstsorte ist aus einem Samen entstande. Im Prinzip ist jeder Sämling eine eigene Sorte, weil er sich durch die Kombination der Elterngene von allen anderen Bäumen unterscheidet. Zur Sorte wird so ein Sämling, wenn er durch Veredelung vermehrt wird, weil er zufällig positive Eigenschaften hat, die dem Entdecker und vieleicht auch anderen Leuten gefallen.

Das waren früher z.B. der Geschmack, die Lagerfähigkeit, die Ertragsstärke und die Baumgesundheit. Heute ist es eher das Shelf-Life und das ansprechende Aussehen, während Krankheitsresistenzen wegen des Einsatzes von Pestiziden lange Zeit nachrangig waren und erst in neuerer Zeit vielleicht wieder etwas an Bedeutung gewinnen.

Die Zucht neuer Sorten ist allerdings auch ein langwieriges Geschäft, da man frühestens nach 3-4 Jahren überprüfen kann, ob die Früchte eines Sämlings den Ansprüchen genügen. Angeblich sol zudem nur jeder zehntausendste Baum zur Anmeldung als Sorte taugen, also Supermarkttauglich sein. Das kann sein, schließlich sind die Vorgaben für Supermarktäpfel auch sehr eng. Kaum eine der historischen Obstsorten würde heute die Zuchtselektion überleben. Dabei sind darunter sehr geschmackvolle Sorten, die der legendäre Backapfel "Schöner von Boskoop" oder der vorzügliche, aber eher kleinfrüchtige "Cox Orange", von dem praktisch alle modernen Sorten mit abstammen.

Deswegen - und weil es einfach Spaß macht - ziehen wir auch Sämlinge, um zu schauen, ob wir nicht vielleicht einen Treffer landen, der zumindest unseren Anforderungen genügt. Ich habe schon etliche Sämlinge, die in Böschungen, etc. gewachsen sind, probiert und darunter einige durchaus genießbare gefunden. Es ist also Quatsch, dass nur ungenießbare Äpfel aus Sämlingen herauskommen.

Bei vielen historischen Sorten gibt es einen bestimmten Verwendungszweck, für den die Sorte besonders geeignet ist. Das muss nicht immer der Rohverzehr sein. Es gibt auch Kochbirnen, säurearme Äpfel für Apfelkraut, gerbstoffhaltige Birnen für die Obstweinherstellung und Früchte, die besonders guten Saft oder leckeres Trockenobst ergeben.

Die einfachste Möglichkeit, selbst Sämlinge zu ziehen, ist das Mulchen mit Trester, also den Abfällen vom Entsaften (nicht vom Dampfentsaften!). Darin sind jede Menge Kerne enthalten, und die Masse unterdrückt auch darunter liegende Unkrautsaat eine gewisse Zeit, so dass die Samen mit einem kleinen Vorsprung keimen können.

Dabei kommen nach einem Jahr dann solche kleinen Bäumchen (hier Birnen) heraus:
Birnensämling eim Eimer
Die kleinen Sämling ebekommt man mit einer kleinen Schaufel überwiegend mit der kompletten Pfahlwurzel heraus. Man sieht, dass die Bäumchen auch jetzt schon vom Wuchs her sehr unterschiedlich sind.

Für das weitere Wachstum kommen sie unter Unkrautvlies an einen neues Standort.
einzelner Birnensämling mit Unkrautvlies
Dort bekommen sie jetzt erstmal eine Glashaube gegen Rehverbiss (kleines Experiment) und die Bäumchen, die etwaige Wühlmaus- und sonstige-attacken überstehen, werden dann in ein paar Jahren an ihren Endstandort verpflanzt.
Birnensämlinge mit Unkrautvlies und Glashaubeu
Sollten die Früchte nicht schmecken, der Baum aber gesund sein, kann man ihn dann noch als Unterlage verwenden und eine bewährte Birnensorte darauf veredeln.

Erstmal bin ich aber gespannt, wie viele der 17 Sämlinge es die nächsten Jahre überhaupt schaffen. Mein absoluter Traum wäre natürlich ein Birnengitterrostresistenter Sämling.

Kommentare:

  1. Hey, schön dass du wieder regelmäßig schreibst!
    Ich hab bei nem Baumschulbetreiber aufgeschnappt, dass man den Baum auch etwas schneller zu Fruchtansatz bringen kann, indem man ihn auf eine schwachwachsende Unterlage veredelt. Kannst es ja versuchen: Wenn er sich im nächsten Jahr verzweigt einfach Reiser nehmen.

    Wobei ich mir persönlich nicht so ganz sicher bin, ob das auch Sinn macht:
    Die Unterlage hat nicht nur Einfluss auf das Wachstum des Holzes, sondern auch auf Ausprägung und Ertrag der Früchte. Wenn die Sorte später auf eine starkwachsende Unterlage kommen soll bekommt man evtl. ganz andere Fruchteigenschaften. Das trifft aber natürlich auch auf das Verkosten der unveredelten Bäumchen zu.
    Dabei scheint es durchaus nicht nur so zu sein, dass die schwachwachsende Unterlage die besseren Früchte hervorbringt.

    Allerdings bin ich auf dem Gebiet reiner Theoretiker ;) Ich kann nur Gelesenes und Gehörtes wiedergeben. Aber - Versuch macht kluch!

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    1. Hallo Franz,

      das mit dem Veredeln haben wir bei Apfelsämlingen schon gemacht, die Ergebnisse stehen aber noch aus und unsere Erfolgsquote ist bei den Veredelungen noch nicht so hoch. Wenn man etwas Geduld hat und die schlechten Sämlinge als Unterlagen verwendet (dann praktisch eine "Um"veredelung), geht es denke ich auch so. Noch haben wir Platz und der wird wohl auch noch ein paar Jahre reichen.

      Dass die Unterlage auf die Frucht Einfluss haben kann, ist mir auch bekannt, die Art und Stärke der Auswirkung ist aber wohl stark sorten- und unterlagenabhängig. Ich habe selber noch keine Vergleichsmöglichkeiten gehabt.

      Allerdings habe ich einen Grünen Boskoop auf M9 veredelt, der in den nächsten Jahren die ersten Äpfel tragen sollte. Wenn unser alter Baum solange durchhält, könnte ich dann mal einen Vergleich anstellen.

      Das Klima und der Boden haben aber auch starke Auswirkungen, nicht nur bezüglich der Reife, sondern auch bezüglich des Aussehens. Wir hatten einen Pomologen da, der Anlaufschwierigkeiten mit der Bestimmung von James Grieve hatte, weil die Früchte weiter südlich offenbar anders aussehen. Er hatte einen mit und sie waren geschmacklich identisch. Es kann natürlich auch eine leichte Sprossmutation sein, die hier lokal über die Baumschulen verbreitet worden ist.

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  2. interessant deine Versuche, vielleicht wird er ja auch ähnlich wie ein Speierling aber als Wildfrüchte für die teir und Vogelwelt und als Mostobst sind die Früchte bestimmt zu verwenden . Grüße von Frauke

    und wie sind die versuche mit dem Saprgel ausgegangen hattet ihr diese nicht auch ausgesäht
    Grüße von Frauke

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    1. Hallo Frauke,

      der Spargel hat sich besser als erwartet entwickelt. Ich werde da mal einen Artikel drüber machen, wenn ich sehe, wie er in diesem Jahr so kommt.

      LG
      Lorenz

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  3. Da bin ich aber gespannt wie es weitergeht. Über das veredeln habe ich mich noch nie drüber getraut, würde es aber sehr gerne mal bei meinem Zitronenbaum versuchen.

    LG kathrin

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  4. Eine genau richtig reife Birne überragt jeden Apfel an Geschmack, finde ich (na gut, kenne keine Mostbirnen). Leider ist die Zeit der Birnenmanie vorbei.

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