Das waren früher z.B. der Geschmack, die Lagerfähigkeit, die Ertragsstärke und die Baumgesundheit. Heute ist es eher das Shelf-Life und das ansprechende Aussehen, während Krankheitsresistenzen wegen des Einsatzes von Pestiziden lange Zeit nachrangig waren und erst in neuerer Zeit vielleicht wieder etwas an Bedeutung gewinnen.
Die Zucht neuer Sorten ist allerdings auch ein langwieriges Geschäft, da man frühestens nach 3-4 Jahren überprüfen kann, ob die Früchte eines Sämlings den Ansprüchen genügen. Angeblich sol zudem nur jeder zehntausendste Baum zur Anmeldung als Sorte taugen, also Supermarkttauglich sein. Das kann sein, schließlich sind die Vorgaben für Supermarktäpfel auch sehr eng. Kaum eine der historischen Obstsorten würde heute die Zuchtselektion überleben. Dabei sind darunter sehr geschmackvolle Sorten, die der legendäre Backapfel "Schöner von Boskoop" oder der vorzügliche, aber eher kleinfrüchtige "Cox Orange", von dem praktisch alle modernen Sorten mit abstammen.
Deswegen - und weil es einfach Spaß macht - ziehen wir auch Sämlinge, um zu schauen, ob wir nicht vielleicht einen Treffer landen, der zumindest unseren Anforderungen genügt. Ich habe schon etliche Sämlinge, die in Böschungen, etc. gewachsen sind, probiert und darunter einige durchaus genießbare gefunden. Es ist also Quatsch, dass nur ungenießbare Äpfel aus Sämlingen herauskommen.
Bei vielen historischen Sorten gibt es einen bestimmten Verwendungszweck, für den die Sorte besonders geeignet ist. Das muss nicht immer der Rohverzehr sein. Es gibt auch Kochbirnen, säurearme Äpfel für Apfelkraut, gerbstoffhaltige Birnen für die Obstweinherstellung und Früchte, die besonders guten Saft oder leckeres Trockenobst ergeben.
Die einfachste Möglichkeit, selbst Sämlinge zu ziehen, ist das Mulchen mit Trester, also den Abfällen vom Entsaften (nicht vom Dampfentsaften!). Darin sind jede Menge Kerne enthalten, und die Masse unterdrückt auch darunter liegende Unkrautsaat eine gewisse Zeit, so dass die Samen mit einem kleinen Vorsprung keimen können.
Dabei kommen nach einem Jahr dann solche kleinen Bäumchen (hier Birnen) heraus:
Die kleinen Sämling ebekommt man mit einer kleinen Schaufel überwiegend mit der kompletten Pfahlwurzel heraus. Man sieht, dass die Bäumchen auch jetzt schon vom Wuchs her sehr unterschiedlich sind.
Für das weitere Wachstum kommen sie unter Unkrautvlies an einen neues Standort.
Dort bekommen sie jetzt erstmal eine Glashaube gegen Rehverbiss (kleines Experiment) und die Bäumchen, die etwaige Wühlmaus- und sonstige-attacken überstehen, werden dann in ein paar Jahren an ihren Endstandort verpflanzt.
Sollten die Früchte nicht schmecken, der Baum aber gesund sein, kann man ihn dann noch als Unterlage verwenden und eine bewährte Birnensorte darauf veredeln.
Erstmal bin ich aber gespannt, wie viele der 17 Sämlinge es die nächsten Jahre überhaupt schaffen. Mein absoluter Traum wäre natürlich ein Birnengitterrostresistenter Sämling.